Ausschnitte aus einer Rede von Chiara Lubich, am 5. März 2001 (Aschermittwoch) im italienischen Parlament anlässlich einer "Meditation über den Frieden" gehalten
Wir leben in einer Zeit epochalen Umbruchs, einer mühsamen Vorbereitung einer neuen Welt. Doch es braucht dafür eine Seele: Die Liebe, (...) Die Liebe, - dies stelle ich immer mehr im Kontakt mit Menschen und Gruppen unterschiedlicher Religionen, Rasse bzw. Kultur fest - ist eingeschrieben in die Grundstruktur eines jeden Menschen. Sie ist die mächtigste, fruchtbarste und sicherste Kraft, die die gesamte Menschheit verbinden kann. Doch sie verlangt eine totale Umkehr der Herzen, der Mentalität, der Grundentscheidungen.
Im Übrigen ist die Notwendigkeit der Gegenseitigkeit - eine der Grundlagen der internationalen Beziehungen - mittlerweile allgemeines Empfinden. Heutzutage muss jedes Volk über seine eigenen Grenzen hinaussehen, bis zu dem Punkt, die Heimat des anderen so zu lieben wie die eigene.
Gegenseitige Wechselbeziehungen unter Völkern bedeutet die Überwindung von alten wie neuen parteiischen Voreingenommenheiten und Profitinteressen. Stattdessen gilt es, durch uneigennützige und unvoreingenommene Initiativen Beziehungen mit allen aufzubauen. Im Anderen sozusagen ein zweites "Ich selbst" entdecken, das gleichermaßen Teil der einen Menschheit ist. Abrüstung, Entwicklung und Zusammenarbeit sind von dieser Grundlage aus zu planen.
Auf diese Weise kann es gelingen, einen Grad der Gegenseitigkeit zu erreichen, an dem jedes Volk, selbst das ärmste, zum Protagonist im internationalen Leben wird, in einer allgemeinen Anteilnahme an den vorhandenen Nöten wie Ressourcen und zwar nicht nur im Fall von Katastrophen, sondern als alltägliche Praxis.
Identität und Potentiale eines jeden Volkes können sich gerade im "Zur-Verfügung-Stellen" entwickeln, in gegenseitiger Anerkennung und Anteilnahme. Wenn wir sowohl als Bürger als auch als Regierende tatsächlich ernst damit machen, können wir zu Recht davon träumen, eine einzige Weltgemeinschaft aufzubauen.
Eine Utopie? Der erste, der die Globalisierung angeregt hat, war Jesus, als er sagte: "Dass alle eins seien." Nicht nur: Er hat uns zu einer Liebe befähigt, welche die Kraft hat, die Menschheitsfamilie als eine Einheit in Pluralität aufzubauen.
Es genügt darüber hinaus die Augen zu öffnen, um in der Welt die zahlreichen
Laboratorien dieser "Neuen Menschheit" zu entdecken. Ist vielleicht schon der
Augenblick gekommen, sie auf Weltebene zu übertragen?
Chiara Lubich
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